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Food Save statt Food Waste

In a Nutshell.

Das Schweizer Ernährungssystem steht vor einer fundamentalen Neuorientierung. Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Biodiversitätsverlust, Gesundheit und geopolitische Instabilitäten stellen die Frage, wie wir uns künftig ernähren wollen und sollen. Die grünliberale Position: Wir brauchen einen tiefgreifenden Systemwandel – aber differenziert, wissenschaftsbasiert, technologieoffen und sozial tragfähig. Die Ernährung der Zukunft muss gleichzeitig gesund, ökologisch, wirtschaftlich effizient und sozial gerecht sein. Dieses Positionspapier zeigt den Weg dorthin auf.

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Die Ausgangslage.

Die Art, wie wir in der Schweiz produzieren, handeln, konsumieren und entsorgen, ist weder ökologisch tragbar noch langfristig resilient. Die aktuelle Debatte zur “Vegi-Initiative” zeigt, dass eine Neuausrichtung nötig ist – doch der Weg dorthin ist umstritten. Einseitige Lösungsansätze wie die ausschliessliche Ausrichtung an der Planetary Health Diet greifen zu kurz. Sie lassen Zielkonflikte unbeachtet, schliessen Innovationen aus und verkennen die realen Potenziale des Schweizer Agrar- und Ernährungssystems. Die GLP setzt sich daher für eine Transformation ein, die die vier Nachhaltigkeitsdimensionen gleichwertig adressiert: Umwelt, Gesundheit, Wirtschaft und Soziales. Die zentrale Leitlinie ist dabei: systemisch denken, in Kreisläufen handeln und offen bleiben für neue Wege.

Unsere Vision.

Wir streben ein Schweizer Ernährungssystem an, das ressourcenschonend, klimagerecht und gesund ist – und zugleich wirtschaftlich leistungsfähig und sozial ausgewogen. Die Landwirtschaft der Zukunft produziert mehr Nährwert pro Hektar, integriert Tiere sinnvoll in Kreisläufe, reduziert Verluste entlang der Wertschöpfungskette und nutzt Innovationen verantwortungsvoll. Die Ernährung der Zukunft ist flexitarisch, ausgewogen und nachhaltig. Die Politik schafft dafür evidenzbasierte, wirkungsorientierte und technologieoffene Rahmenbedingungen. Wir setzen auf Partnerschaften statt Abschottung, auf Vielfalt statt Dogma, auf Wirkung statt Symbolik.

Zehn Vorschläge für eine
grünliberale Transformation des
Ernährungssystems.

Die GLP setzt sich für ein Ernährungssystem ein, das den Menschen dient, die Natur respektiert und die Zukunft sichert.

  1. Systematische Resilienz statt starre Selbstversorgungsziele. Statt fixe Zielwerte in die Verfassung zu schreiben, setzen wir auf eine resiliente, diversifizierte und europäisch eingebettete Ernährungspolitik.
  2. Fokus auf Nährwert pro Hektar. Ziel ist nicht maximale Kalorienproduktion, sondern ein hoher Beitrag zur gesunden Versorgung bei minimaler Umweltbelastung.
  3. Feed no Food als Prinzip. Ackerflächen sollen prioritär für die direkte menschliche Ernährung genutzt werden. Tierhaltung bleibt sinnvoll, wenn sie flächengebunden und kreislaufintegriert ist.
  4. Innovation fördern statt Technologie ausschliessen. Ob Biolandbau, Pflanzenzüchtung, Gentechnik oder Fermentation – was wirkt, wird geprüft und unter klaren Standards zugelassen.
  5. Biodiversität als Produktionsgrundlage anerkennen. Wir wollen Ökosystemleistungen honorieren, Moore renaturieren und natürliche Vielfalt zur Grundlage wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit machen.
  6. Nährstoffkreisläufe schliessen. Verlustarme Düngung, regionale Stoffflüsse und integrative Betriebsmodelle sind der Schlüssel zu Bodenfruchtbarkeit und sauberem Wasser.
  7. Food Waste halbieren. Entlang der gesamten Kette – von Produktion über Handel bis Haushalt. Mit Bildung, Anreizen und digitaler Transparenz.
  8. Neue Ernährungsformen gezielt entwickeln. Novel Food, kultiviertes Fleisch und pflanzliche Fleischalternativen können zur Entlastung beitragen, wenn sie punkto Gesundheit und Nachhaltigkeit einen Mehrwert bieten und gesellschaftlich breit abgestützt sind. Der Verarbeitungsgrad soll dabei möglichst gering gehalten werden.
  9. Transparenz und Governance verbessern. Eine moderne Ernährungspolitik braucht unabhängige Daten, klare Zuständigkeiten, partizipative Prozesse und messbare Ziele.
  10. Partnerschaften statt Autarkie. Wir wollen die europäische Einbettung der Schweiz nutzen, um Standards, Krisenresilienz und Innovation gemeinsam weiterzuentwickeln.

Zehn Hebel für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem.

Systemische Resilienz.

Statt sich auf fixe Zielwerte wie einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70% zu versteifen, braucht die Schweiz ein dynamisches Resilienzkonzept, das anpassungsfähig auf Krisen reagieren kann. Resilienz heisst nicht nur Produktion im Inland, sondern eine intelligente Kombination aus regionaler Wertschöpfung, europäischer Einbettung, Lagerhaltung, digitalen Frühwarnsystemen und klaren Verantwortlichkeiten. Die Landwirtschaft, die Lebensmittelwirtschaft und die Aussenpolitik müssen koordiniert zusammenarbeiten, um auf Unterbrüche in der Versorgungskette schnell und effektiv zu reagieren. Gleichzeitig geht es um strategische Diversifikation: Monokulturen und Abhängigkeiten müssen reduziert werden, um Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten. Fehlanreize und widersprüchliche Subventionen – etwa die Förderung des Zuckeranbaus bei gleichzeitiger Investition in die Gesundheitsprävention – sind nach Möglichkeit zu vermeiden.

Fokus auf Nährwert pro Hektar.

Die Zukunft der Landwirtschaft misst sich nicht allein am Ertrag pro Fläche, sondern an der Kombination aus Gesundheitswert, Umweltwirkung und sozialer Tragfähigkeit. Eine Kalorie aus Tomaten ist nicht gleichzusetzen mit einer Kalorie aus Chips. Die GLP fordert eine Neuorientierung der Agrarpolitik hin zu nährwertbasierten Indikatoren: Welche Kulturen tragen wie stark zur gesunden Ernährung bei? Welche Systeme fördern Biodiversität und Bodengesundheit? Dazu braucht es differenzierte Subventionslogiken, in denen Qualität und Nachhaltigkeit besser honoriert werden.

Feed no Food als Prinzip.

Der Energieverlust durch eigens dafür angebaute Futtermittel in tierische Kalorien ist enorm. Deshalb müssen Ackerflächen in Zukunft in erster Linie der direkten menschlichen Ernährung dienen. Das heisst: weniger Kraftfutterimporte, mehr Leguminosen, Getreide und Gemüse für den menschlichen Konsum. Tierhaltung bleibt dabei integraler Bestandteil eines funktionierenden Systems, aber in neuer Rolle: Wiederkäuer verwerten Gras und Nebenprodukte, Schweine erhalten Reste aus Gastronomie und Industrie. Diese tiergerechte, flächengebundene Haltung schliesst Nährstoffkreisläufe und sichert Bodenfruchtbarkeit.

Innovation fördern.

Die GLP steht für eine technologieoffene Innovationskultur. Neue Verfahren wie CRISPR/Cas, digitale Anbausteuerung, Fermentationstechnologien oder vertikale Landwirtschaft bieten grosse Chancen für Umwelt- und Ressourcenschutz. Anstatt Technologien ideologisch zu bewerten, setzen wir auf Wirkung: Was hilft, soll gefördert werden – unter klaren ethischen, gesundheitlichen und ökologischen Standards. Forschung, Start-ups und landwirtschaftliche Praxis müssen besser vernetzt werden, um den Transfer von Wissen und Technologie zu beschleunigen.

Biodiversität als Produktionsgrundlage anerkennen.

Biodiversität ist mehr als Naturschutz – sie ist Fundament jeder resilienten Landwirtschaft. Gesunde Ökosysteme garantieren die Bestäubung, die Kontrolle von Schädlingen, stabile Wasserkreisläufe und Humusaufbau. Die GLP setzt sich dafür ein, Biodiversität ökonomisch sichtbar zu machen: durch Zahlungen für Ökosystemleistungen, durch Renaturierung von Mooren, durch die Aufwertung von Hecken, Waldrändern und extensiven Flächen. Eine zukunftsorientierte Landwirtschaft integriert Biodiversität in den Produktionsprozess, statt sie in isolierte Schutzgebiete auszulagern.

Nährstoffkreisläufe schliessen.

Phosphor und Stickstoff sind Schlüsselressourcen – und zugleich Problemstoffe, wenn sie unkontrolliert in Boden, Wasser und Luft gelangen. Die GLP fordert eine nationale Strategie zur Schliessung der Nährstoffkreisläufe: mit verbesserten Lagerungssystemen, präziser Düngung, regionalem Stoffaustausch und klaren Obergrenzen für Viehdichte. Ziel ist eine Landwirtschaft, die ihre Nährstoffe

weitgehend selbst generiert und Überschüsse vermeidet. Dazu gehören auch Investitionen in Nährstoffrückgewinnung aus Abwasser oder Bioabfällen.

Food Waste halbieren.

Lebensmittelverluste sind inakzeptabel – ökologisch, ökonomisch und ethisch. Rund ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen, viele davon wären vermeidbar. Die GLP fordert verbindliche Reduktionsziele, die Einführung von digitalen Tracking-Tools für Kettenverluste und neue Plattformen für die Weitergabe von Überschüssen. Gleichzeitig sollen Bildungsprogramme und Transparenz für Konsument:innen gestärkt werden. Food Waste-Reduktion ist ein „low hanging fruit“ auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Auch Abfallkreisläufe und der daraus entstehende sekundäre Food Waste müssen dabei konsequent mitberücksichtigt werden.

Neue Ernährungsformen entwickeln.

Ob kultiviertes Fleisch, pflanzliche Alternativen oder fermentierte Proteine: Neue Produktionsformen haben das Potenzial, die Umweltwirkung tierischer Lebensmittel massiv zu reduzieren. Die Schweiz muss ihre Forschung und Start-up-Förderung ausbauen und regulatorische Hürden abbauen, ohne auf Sicherheitsstandards zu verzichten. Zentral ist dabei: Akzeptanz schaffen durch Transparenz, Aufklärung und faire Preisgestaltung. Die GLP sieht in Novel Food keinen Ersatz, sondern eine wertvolle Ergänzung, sofern die Bedingung der Nachhaltigkeit erfüllt ist. Der Verarbeitungsgrad soll dabei möglichst gering gehalten werden, weil dieser immer mit Nährstoffverlusten einhergeht. Gerade im Bereich neuer Ernährungsformen kommt der Gesundheitsförderung und Prävention eine zentrale Rolle zu, damit ökologische Innovationen auch zu einem echten gesundheitlichen Mehrwert führen.

Transparenz und Governance verbessern.

Eine nachhaltige Transformation braucht gute Steuerung. Die GLP fordert mehr Transparenz über Herkunft, Produktionsstandards und Umweltwirkungen von Lebensmitteln. Gleichzeitig müssen Governance-Strukturen vereinfacht und besser koordiniert werden: Heute arbeiten BLW, BLV, BAFU und SECO oft nebeneinander. Eine kohärente Ernährungspolitik braucht vernetzte Datensysteme, Wirkungskontrolle und die Einbindung aller Stakeholder – von der Produktion bis zum Konsum.

Partnerschaften statt Autarkie.

Die Schweiz ist keine Insel. Unsere Ernährungssicherheit hängt entscheidend von stabilen, nachhaltigen internationalen Beziehungen ab. Die GLP steht für eine aktive Rolle der Schweiz in europäischen Forschungs- und Standardisierungsnetzwerken, für faire Handelsbeziehungen und für ein abgestimmtes Krisenmanagement. Eine strategische Kooperation mit Nachbarstaaten und der EU sichert nicht nur Versorgung, sondern auch Innovationskraft, Umweltstandards und die Resilienz des Gesamtsystems.